Bundesverwaltung: Warum das Diplom mehr zählt als die Leistung
Dies gelesen: «Die Akademisierung der Verwaltung steigt mit den Staatsebenen, das heisst von den Gemeinden über die Kantone bis zum Bund an.» (Quelle: IWP, Staatliche und staatsnahe Beschäftigung in der Schweiz: Bericht 2025.)
Das gedacht: In diesen Tagen beginnt für viele junge Menschen das erste Studienjahr an einer Hochschule. Einmal mehr vermelden die Universitäten und Fachhochschulen neue Rekordzahlen bei den Erstsemestrigen.
Gleichzeitig lesen wir, dass Hochschulabsolventen zunehmend Mühe haben, nach dem Studium eine Anstellung zu finden. Zwischen 2023 und 2025 erhöhte sich die Erwerbslosigkeit bei Personen mit einem Masterabschluss ein Jahr nach dem Studium von 3,9 auf 6,4 Prozent. Ein Anstieg um 64 Prozent.
Verakademisierung nimmt ungebremst zu
Nur, dies interessiert nicht. Die Verakademisierung der Berufswelt nimmt seit Jahren ungebremst zu. Dies zeigen die Zahlen des Instituts für Wirtschaftspolitik an der Universität Luzern IWP. Beim Staat und in der Privatwirtschaft steigt der Akademikeranteil. Allerdings mit unterschiedlichem Tempo.
In der Privatwirtschaft, so das IWP, betrug das Wachstum von 2009 bis 2023 rund 11 Prozentpunkte. Das Wachstum fiel bei den Kantonen mit 9 Prozentpunkten praktisch gleich hoch aus und bei den Gemeinden mit 6 Prozentpunkten etwas tiefer.
Beim Bund dagegen wuchs der Akademikeranteil um 16 Prozentpunkte. Die Zahl der Hochschulabsolventen in der Verwaltung steigt mit der Staatsebene, das heisst von den Gemeinden über die Kantone bis zum Bund an.
Das Lohnsystem macht den Unterschied
Nun kann man die Verakademisierung beim Bundespersonal wie der Bundesrat in der Antwort auf eine Frage von Nationalrat Manuel Strupler SVP mit steigenden Anforderungen an die Mitarbeitenden der Bundesverwaltung begründen. Mit diesen erklärt der Bundesrat auch die höheren Lohnkosten.
Eine fragwürdige Argumentation. Kein Mensch versteht, warum die Anforderungen an die Beschäftigten in der Bundesverwaltung stärker steigen sollen als in allen übrigen Bereichen der Arbeitswelt.
In Tat und Wahrheit sind es nicht die Anforderungen an die Arbeit, sondern die Besonderheiten des Lohnsystems der Bundesverwaltung, die den Unterschied ausmachen.
Ohne Masterabschluss keine Kaderstelle
Nehmen wir das Dokument «Referenzfunktionen der Bundesverwaltung». Dieses definiert – in bestem Beamtendeutsch – idealtypische Funktionsbilder und bildet die zentralen Richtgrössen des Lohnklassensegements 1 bis 31.
Dazu gehört, dass für das mittlere und höhere Kader (Lohnklassen 24 bis 31) ein universitärer Masterabschluss «als idealtypisches Anforderungsprofil» vorausgesetzt wird.
Anders gesagt: Wer ohne Masterabschluss in der Bundesverwaltung arbeitet, hat kaum eine Chance auf eine Kaderstelle. Wer nicht studiert hat, bleibt auf der Strecke. Mit einer Ausnahme: Bundesrat kann man (zum Glück) auch mit einer Berufslehre werden.
Studium garantiert höhere Lohnklasse
Eine Tatsache, die sich auch in den Anfangslöhnen widerspiegelt. Beschäftigte ohne jede praktische Erfahrung aber mit einem Masterabschluss verdienen gemäss einem Papier der Gewerkschaft VPOD einen Anfangslohn von 86’700 Franken, notabene ohne Ortszuschlag. Personen mit einer Berufslehre dagegen starten mit 54’700 Franken.
Eine Differenz, die zusätzlich zur Kaderfrage den hohen Anteil an Hochschulabsolventen in der Bundesverwaltung erklärt. Berufe, die akademisch aufgeladen werden, schaffen es in eine höhere Lohnklasse.
Kindergärtnerin mit Bachelorabschluss
Eine Logik, die den öffentlichen Sektor auf allen Ebenen durchdringt. Beispielsweise auch die Lehrerberufe.
Ich selbst gehöre noch zur Generation, die von einer Kindergärtnerin unterrichtet wurde. Heute braucht es für dieselbe Arbeit einen Bachelor-Studiengang Kindergarten/Unterstufe an einer Pädagogischen Hochschule.
Das gleiche gilt für die Primarschule. Früher genügte das Lehrerseminar, das vor dem zwanzigsten Altersjahr abgeschlossen wurde. Heute führt der Weg in der Regel über eine gymnasiale Maturität und über ein dreijähriges Vollzeitstudium.
Teure Fehlentwicklung
Wie die PISA-Studien zeigen, sinken trotz der Akademisierung der Lehrerberufe die Lese- und Rechenkompetenzen der Schüler. Was jedoch zugenommen hat, sind die Löhne. Der Hochschulabschluss zahlt sich aus, in Franken und Rappen. Unabhängig von der Leistung.
Die Ursache für die Verakademisierung der Berufswelt liegt nicht zuletzt in der Logik praxisfremder Lohnsysteme. Nicht nur, aber ganz besonders in der Bundesverwaltung.
Nicht die Leistung und auch nicht die Anforderungen an eine Arbeit, sondern das Diplom selbst ist die entscheidende Grösse. Eine Fehlentwicklung, die wir in vielfacher Hinsicht teuer bezahlen.
Erstpublikation am 22.9.2026 auf www.nebelspalter.ch

