Sonderfall Schweiz – Direkte Demokratie statt Brandmauern
Dies gelesen: «Die Schweiz kann sich das Sonderfalldenken nicht mehr leisten.» (Adolf Muschg, tagblatt.ch, 31.7.2026)
Das gedacht: Im Vorfeld der Bundesfeier setzte sich Adolf Muschg in einem Interview im Tagblatt mit der Schweiz als Nation auseinander. Auch mit 92 Jahren findet der Schriftsteller kritische Worte zum Selbstverständnis der Schweiz. Er ist sich treu geblieben.
Dazu gehören seine Ausführungen zum Sonderfall Schweiz. Einmal mehr stellt er fest, dass dieser aus der Zeit gefallen ist. Wenig überraschend. Überraschender ist, dass seine weiteren Überlegungen im Grunde genommen das Gegenteil beweisen.
Die direkte Demokratie macht den Unterschied
Dies zeigt sich in seinen Ausführungen zu Deutschland. Muschg kritisiert, dass Kanzler Merz mit der «Brandmauer» die AfD draussen halten will. Da kann man gleich einpacken, weil die AfD trotzdem Zulauf hat, so Muschg. Man müsste aufhören, pauschal alle und alles von der AfD als absolut finster auszusperren.
Unerwähnt bleibt, dass es in der Schweiz im Gegensatz zu Deutschland keine Brandmauern gibt. Und dies nicht wegen des von Muschg geforderten Mitgefühls für politische Minderheiten.
Der entscheidende Unterschied liegt in der direkten Demokratie. Um dies zu verstehen, hilft ein Blick zurück:
- Die Bundesverfassung von 1848 berücksichtigte die Befindlichkeiten der konservativen Minderheit. Prägend jedoch war der liberale Zeitgeist. Die Freisinnigen dominierten die Politik. Das Mehrheitswahlrecht sorgte für eine komfortable absolute Mehrheit der Freisinnigen im Nationalrat. Diese Mehrheit wiederum garantierte, dass nur freisinnige Bundesräte gewählt wurden.
- Mit der Verfassungsrevision von 1874 und der Einführung des fakultativen Gesetzesreferendums endete die liberale Alleinherrschaft. Nun hatte das Volk auch bei Sachentscheiden das letzte Wort. Ergänzt wurden das fakultative Gesetzesreferendum im Jahre 1891 durch die Volksinitiative zur Teilrevision der Bundesverfassung.
Konkordanz und direkte Demokratie
Seither prägt die direkte Demokratie das politische Leben der Schweiz. Gegen referendumsfähige Minderheiten ist eine kontinuierliche Staatsführung nicht möglich:
- Nach Einführung des fakultativen Referendums vermochte die katholisch-konservative Opposition die parlamentarische Regierungsmehrheit des Freisinns zu blockieren. Sie konnte nicht länger von der Exekutive ausgeschlossen werden. 1891 trat der erste Katholisch-Konservative in den Bundesrat ein.
- 1943 wurde die SP bei den Nationalratswahlen zur stärksten Fraktion. In der Folge wählte die bürgerliche Mehrheit der Bundesversammlung den ersten Sozialdemokraten in den Bundessrat.
Die Konkordanz ist eine unmittelbare Folge der direkten Demokratie. Alle politischen Parteien sind in das politische System eingebunden. Im Bundesrat sitzen Vertreter aller grösseren Parteien.
Im Gegensatz zur Konkurrenzdemokratie mit einer Regierung und einer Opposition steht in der Konkordanzdemokratie nicht das Mehrheitsprinzip im Vordergrund, sondern die Suche nach Kompromissen und das Mitspracherecht von Minderheiten.
Minderheiten einbinden
Ganz im Sinne von Muschg. Für ihn ist es in der Demokratie idealerweise so, dass man sich für den politischen Gegner interessiert. Jede Mehrheit muss sich – so Muschg – für die Minderheit und sogar für die AfD interessieren und mitbedenken, was die ihr eigentlich sagen will.
Genau so funktioniert die Schweiz. Nicht, weil wir die besseren Menschen sind, sondern weil uns die direkte Demokratie zwingt, Minderheiten einzubinden. Die Schweiz braucht keine Brandmauern.
Unsere Volksrechte schaffen exakt jene politische Kultur, die Muschg einfordert. Ein besseres Plädoyer für den Sonderfall Schweiz gibt es nicht.
Der Sonderfall hat Zukunft
Dank ihren institutionellen Besonderheiten hat die Schweiz die gesellschaftlichen und politischen Krisen der Vergangenheit weit besser bewältigt als die meisten vergleichbaren Staaten.
Daran hat sich bis heute nichts geändert. Unsere direkte Demokratie funktioniert stabiler als die repräsentativen Demokratien in unseren Nachbarländern mit ihren permanenten Regierungskrisen. Der Sonderfall Schweiz hat Zukunft.
Und trotzdem soll damit nun Schluss sein. Der Bundesrat will die direkte Demokratie der dynamischen Übernahme von EU-Recht unterordnen. Mit Muschg ist die Regierung der Meinung, dass wir uns den Sonderfall nicht länger leisten können.
Immerhin, ein Trost bleibt. Dank dem Referendumsrecht haben wir es selbst in der Hand, den Ausverkauf der Schweiz zu stoppen. Dieses Alleinstellungsmerkmal lassen wir uns nicht nehmen. In der Schweiz ist das Volk der Chef. Dabei muss es bleiben.
Erstpublikation am 11.8.2026 auf www.nebelspalter.ch

